Es weihnachtet sehr

Das war exakt der Zustand auf unse­rem Bauernhof im Frühwinter 1952, als der Frost einsetzte. Immer wieder kam es nach der Kartoffelernte zu einem Wettlauf mit Väterchen Frost. Wenn unsere Nachbarn ihre Futter-Rüben einbrachten, schleppten wir noch Kartoffelsäcke in die Keller unserer städ­tischen Kundschaft, vorsichtig zwischen Borden mit Weckgläsern und Brikettstapeln balanzierend. Inzwischen wurde die nächste Fuhre zu Hause sortiert und eingesackt.

Nachts war es schon recht kalt. Der Winter kündigte sich an. Bei nassem Wetter zog unser Bulldog seine Furchen zur Vorbereitung der ­Roggensaat. Aber bei Sonnenschein ging es wieder zum Einkellern in die Stadt. Auf den Koppeln wurde nun das Gras für unsere Milchkühe knapp. Es musste zugefuttert werden. Wer also beim Kartoffel­sortieren entbehrlch war, zog mit Pferd und Federwagen zum Blattstechen auf die Rübenkoppel zum Blattholen.

Zwischen all diesen wichtigen Dingen blieb die Roggensaat ein Lückenbüßer. Sie konnte ohne große Nachteile auch nach Frosteinbruch sogar in schmierigem Boden noch erfolgen. Aber der Frost setz­t immer allen emsigen Bemühungen des ganzen Jahres mit der Zerstörung noch nicht geernteter Früchte ein Ende. Steckrüben waren unempfindlicher als Runkeln und mussten deshalb auch am längsten draußen bleiben. Auch die Einkellerung konnte nicht warten, wollten wir nicht anderen das Geschäft überlassen.

So wurde das Einwintern der restli­chen Kartoffel- und der Rüben-Mieten zu einer zwar schweißtreibenden aber doc hendlich wieder sehr entspannten Arbeit; denn der Wettlauf mit Väterchen Frost war been­det. Damals wurden Kartoffeln und Rüben nach der Ernte in langgestreckten so genannten Mieten auf frei­em Feld abgeladen und mit Stroh und einer dünnen Erdschicht abgedeckt, die zur Luftzirkulation oben und unten einen Spalt frei ließ. Beim Einwintern wurden diese Schlitze mit Erde geschlossen und die gesamte Erdschicht verstärkt und gegen Niederschlage geglättet, alles noch mit Schaufel und Spaten, also Handarbeit wie die Kartoffel= und Rübenernte.

In diese entspannte Zeit kurz vor Weihnachten fiel auch Vaters emsige Schreibtischarbeit, die auf irgendwelche Veränderungen oder Anschaffungen schließen ließ. Vater war auch öfter unterwegs...damals noch mit Motorrad oder Bus und Bahn. Mutter backte Pfeffernüsse in Mengen. Eine leere 20-ltr. Milchkanne diente als Vorratskasten. Auch bei uns Kindern tat sich einiges. Wenn mit dem Abendbrot das Ende aller Stall- und Feldarbeit aber auch von Schulaufgaben und Pflichten angesagt war, entstand bis zum Schlafengehen ein Freiraum für Heimlichkeiten. Es roch nach Farbe und Kleister. Gedichte wurden gelernt. Mit verstopftem Trichter übten wir Weihnachtslieder auf der Posaune.

In diese Zeit fiel auch der Besuch vom Lanz-Vertreter aus Kiel. Er und Vater saßen mit sehr viel Papier vor sich am großen Wohnzimmertisch und hatten doch tatsächlich Mutters Milchkanne mit all den Pfeffernüssen zwi­schen sich stehen. Als es dann Weihnachten wurde, war es die Zuspitzung auf ein ganz großes Ereignis in unserem Jahresablauf. Dazu hat sicher der gemeinsame besonders im Spätherbst spürbare Lebenskampf auf dem Hol mit seinem eigenen durch Tiere und Wetter vorgegebenen Rhythmus beigetragen, vielleicht auch unsere kindlichen Gemü­ter oder Mutters und Vaters Kunst, uns diese Zeit ohne materiellen Aufwand als eine besonders schöne ins Herz zu pflanzen.

Am Heiligen Abend war Arbeitstag bis zum Mittag. Rüben-Vorräte für etwa eine Woche waren in die Loh gefahren, der Bulldog gewaschen worden. Wenn es irgend ging, hatten wir vor Weihnachten auch noch mal dreschen können. Dann war auch der damit verbundene Dreck auf dem Hofplatz wie Kaff und Stroh wieder verschwunden. Es wurde ge­harkt, die Stallfenster gewaschen und für den Nachmittag schon Rüben geschnitten und Stallarbeit so weit wie möglich vorgezogen.

Immer ging es gemeinsam und zwar zu Fuß zur Kirche zum Weihnachtsgottesdienst. Dieses Mal war etwas anders, ohne aber unseren Verdacht zu erregen: Vater und Mutter wollten nicht mit. Als wir auf dem Heimweg waren, hatte es inzwischen geschneit. Eine gleichmäßige, dichte Schneedecke hatte Häuser und Gärten, Straßen und Felder zugedeckt und in eine weihnachtliche Märchenlandschaft verwandelt. Wir waren in einer so festlichen, erwar­tungsvollen Stimmung, dass wir die zarten Treckerspuren zu unserem Hof wohl wahrnahmen aber keiner Gedanken für wert hielten.

Gemeinsam wurden jetzt die Tiere versorgt. Dann gab es wie immer an diesem Tag an unserem langen Küchentisch bei Kerzenschein ein herrliches Abendbrot,bis Vater uns mit der kleinen Glocke ins Weihnachtszimmer rief.

Von diesen Weihnachten geht in meiner Erinnerung ein großer Zauber aus, obwohl große Geschenke damals überhaupt nicht möglich waren. Der Tannenbaum gehörte dazu mit seinen echten knallroten Äpfeln und den Lichtern. Vater las die Weihnachtsgeschichte vor. Es wurde gesungenAlldogund vorgetragen. Dann kamen die Briefe und ein vielversprechendes Paket unserer Familientante an die Reihe. Es duftete herrlich nach Tannenbaum und Pfeffernüssen. Und jeder fühlte sich wohl zwischen glücklichen Gesichtern.

Inzwischen hatten wir gar nicht bemerkt, dass Vater sich verdrückt hatte; denn plötzlich ertönte seine Stimme draußen auf dem Flur: "Julklapp!...Julklapp draußen auf dem Hof...!" Wie der Blitz waren wir alle draußen und fanden unsere sonst mit anderen Dingen vollgestellte Garage mit weit geöffneten Türen hell erleuchtet in der dunklen Schnee Winternacht Jetzt stand ein niegelnagelneuer Lanz Alldog drin, leise tuckernd mit eingeschaltetem Licht.

Da begriffen wir, was die Spuren im Schnee zu bedeuten hatten, Vaters Reisen nach der Rübenernte und die Milchkanne mit den Pfeffernüssen zwischen Vater und dem Lanz Vertreter. Immer wieder war danach einer von uns heimlich aus dem Weihnachtszimmer verschwunden, um in der Garage unse­rem neuen Alldog einen Besuch abzu­statten, mal das Licht anzuschalten und an dem neuen Lack zu riechen. So fing das moderne Zeitalter bei uns an. Und so war das damals.

Oskar